Das Übel bei der Wurzel packen, oder: Die Wichtigkeit einer Session 0 – Teil 2

Hey, willkommen zurück zu meinem Blog! In meinem ersten Teil habe ich über das, meiner Meinung nach, zentrale Mittel gesprochen, damit eine Rollenspielrunde gelingen kann: Kommunikation. Und auch, wenn man alle weiteren Probleme im Grunde dahingehend herunterbrechen kann (und auch zukünftig lösen kann), dass man vernünftig drüber reden sollte, möchte ich in meinem zweiten Teil noch über einige Aspekte diskutieren, die meines Erachtens immer wiederkehrend in Spielrunden sind und den Spielspaß trüben können.

„Aber auf Seite 76 des Spielerhandbuchs steht…“ – Regelfragen im Vorfeld aushebeln.

Ich vermute, jeder hat einen solchen Spielertypus schon einmal erlebt. Jede Regel muss bis zum Erbrechen durchdiskutiert werden, in jeder spannenden Situation möchte die Person noch einmal anmerken, dass aber im Sinne von „Rules as Written“, die Situation ganz anders hätte verlaufen müssen. Nerv! Nun, wie geht man damit um? Verhindern wird man es nie können, dass eine Regeldiskussion am Tisch entbrennt, aber ich würde Spielern die wesentliche Funktion des Spielleiters an dieser Stelle nahebringen. Mittlerweile sage ich gerne „Meine Funktion ist, dass wir alle hier Spaß am Tisch haben. Deswegen bin ich, neben der Funktion als schizophrener Nichtspielercharakter und Handlungsstrangerzähler dafür da, dass bei Diskussionen über Regelfragen schnell entschieden wird, so, dass wir weiterspielen können.“ Tatsächlich klappt das, jetzt nach 25 Jahren, immer besser – wobei ich immer noch sehr geschätzte Mitspieler habe, die gerne mal anmerken, dass aber, nach Rules as Written, die Situation durchaus anders verlaufen wäre. Nochmal: DU bist der Spielleiter, hab keine Angst davor, bei einer Session 0 deutlich zu machen, dass du die Entscheidungsinstanz bist. Wenn du nicht gerade bei jeder Regelfrage gegen die Spieler entscheidest und sich die Rollenspielrunde in ein hässliches Spieler vs. Spielleiter entwickelt, wird das gut klappen. Und ansonsten: Hier kann man auch gerne mal anbieten, dass der Spielleiterposten für ein Abenteuer von jemand anders übernommen werden kann.  

„Also ich habe für meinen Charakter fünf 18er gewürfelt und eine 17 und auf Youtube folgende Rasse-Klasse-Kombi gesehen, deswegen nehme ich…“ – Charaktergenerierung in der Session 0

Grundsätzlich darf an meinem Tisch jeder Spieler alles spielen, was er will. Wir kommen zusammen, um Spaß zu haben, also wer bin ich, um den weg zu nehmen. Ekelig wird es aber, wenn ein Spieler mit völlig konträren Vorstellungen zur restlichen Gruppe seinen Charakter generiert und spielt. Folgende Anekdote:

Zu D&D 3.Edition Zeiten bin ich mit den Mitgliedern meiner Rollenspielrunde in einen dieser düsteren, abgeranzten Rollenspielläden gelandet. Während wir Landeier völlig fasziniert waren von Regalen und Regalen an verstaubten Rollenspielzeug fing der Besitzer mit dem Spieler eines Zwergen-Kämpfer-Klerikers der Runde eine Diskussion an. Aufgrund einer dreiköpfigen Gruppe kamen wir damals um Multiclassing nicht herum, so war der Waldläufer auch mit dabei ein Dieb. Herr Ladenbesitzer war aber völlig entsetzt! Wie konnte man nur nicht die maximierte Variante eines Zwerges generieren, der nur x Stufen als Krieger nimmt, dafür dann aber noch eine Stufe als Barbar und dann diese und jene Fähigkeit, damit er Bonus xyz bekommt. Nach einigen Diskussionen habe ich abgebrochen und gesagt, dass ich so kein Rollenspiel spiele, woraufhin wir – kein Witz – uns anhören durften, keine Ahnung von Rollenspiel zu haben und aufgrund einer sehr destruktiven Stimmung den Laden verließen.

Erlauben Sie?! Nun gut, für einige Spieler bedeutet Spaß sicherlich, dass man im Rollenspiel der strahlende Held sein kann, der bei jeder Situation aufgrund von ausmaximierten Superboni alles dominiert. Warum auch nicht, es ist ja ein Spiel und durchaus bewusst Flucht von der Realität. Wenn aber jemand der Meinung ist, dass man nur dann Ahnung vom Rollenspiel hat, wenn man jegliche übertriebene Kombination heraussucht und anwendet und im Umkehrschluss jeder, der dies nicht macht, KEINE Ahnung, könnte es in einer Spielrunde haarig werden. Stellt im Vorfeld sicher, dass hier alle an einem Strang ziehen. Ich persönlich empfehle gerne, als Frustminimierung, das Punktekaufsystem von D&D, denn dann hat man eine relativ homogene Truppe – aber es gibt da andere Lösungen, Hauptsache, alle am Tisch sind damit zufrieden oder können sich mit einer positiven Grundstimmung damit arrangieren. Je kleiner die Gruppe ist, macht es auch sicherlich Sinn, die Charakterklassen abzusprechen, das ist aber kein Muss.

Wie viel Hintergrundwissen braucht eure Spielrunde? Lore you should know!

Ich gebe es zu: Ich bin ein riesiger Fan der Vergessenen Reiche, des Hintergrundwissens, dass die von Ed Greenwood geschaffene Welt bietet und den unzähligen Kulturen, Religionen, Rassen, etc pp. Als Spielleiter empfinde ich dann am meisten Spaß am Spiel, wenn die Spielwelt glaubwürdig, die Immersion durch eine lebendige, atmende Welt erzeugt wird. Dazu kommt sicher demnächst auch ein Artikel – aber brauchen das meine Spieler? Muss für sie die Welt all die Ecken und Kanten bieten? Und, ganz ehrlich, irgendwo da draußen werden Myriaden an Übernerds sitzen, welche die Vergessenen Reiche noch besser kennen als ich, alle Ausgaben des Dragon Magazine gelesen, nein, verschlungen haben und über „meine Reiche“ lachen. Kann gut sein! Aber dennoch halte ich es für notwendig, bei einer Session 0 auch hier mit den Spielern kurz drüber zu reden. Wer beispielsweise einen Dunkelelfen spielen will (einen Waldläufer. Mit zwei Waffen. Und einen Panter als Tiergefährten. Druzzt Du’Uuden, aus dem Haus Unzugurtug.) sollte sich darüber bewusst sein, dass in „meinen“ Reichen die Drow in 95% aller Regionen als bösartige, korrumpierte Elfen gelten, die unter Tage wohnen, eine dämonische Gottheit anbeten und Sklavenhandel betreiben, indem sie die Völker Faeruns des Nachts jagen. Du willst dennoch einen Dunkelelfen spielen? Klasse, finde ich super, dann, auf geht’s. Was ich damit sagen will: Das ist ganz klar meine Variante der Spielwelt. Wenn ein Spieler das völlig bescheuert findet, müssen wir darüber diskutieren. Entweder, man findet einen Mittelweg oder es klappt nicht, aber bevor man mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen der Spielwelt ins Abenteuer startet, finde ich dies sehr wichtig, denn der Frustfaktor ist unglaublich hoch – vor allen Dingen, wenn man dies nicht in der Gruppe besprochen hat. Dann kommt der totale Hintergrundwissensfanatiker mit einem casual Spaßspieler zusammen, für den Zwerge und Gnome die gleiche Rasse sind und Halblinge nur fette kleine Kinder, aber in seiner Hintergrundgeschichte ist Darth Vader sein Papa. Huppala…   

„Aber nach Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft sind die Preise hier…“ Metagaming.

Ich habe mal eine Online-Runde geleitet, bei der ein Spieler mit einem Bauern anfing, über das wirtschaftliche System Ludwig Erhards diskutieren zu wollen, um den Preis zu drücken. Anfangs dachte ich noch, das sei ein Spaß und bin als DM eingestiegen, aber nachdem er immer vehementer mit neusten Erkenntnissen seines letztens Vorlesungsbesuchs versuchte, allen Teilnehmern klar zu machen, dass er da ein richtiger Experte sei und deswegen der Bauer auf dem Markt irgendwo in Cormyr, in einem kleinen verschlafenden Dörfchen, bitte günstigere Preise anzubieten habe, fingen sogar die Mitspieler an, kritische Kommentare zu werfen. So etwas hätte ich vermeiden können, wenn ich im Vorfeld drüber gesprochen hätte. Natürlich kann man nicht jeden Aspekt ansprechen (ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, Wirtschaftssysteme anzuschneiden), aber der oben genannte Aspekt fällt sicher unter Metagaming – und während man Metagaming mit Sicherheit immer wieder im laufenden Spiel vorfinden wird, gibt es hier vielleicht noch den in einer Session 0 vorab zu klärenden Unterschied zwischen Spielwelt-/Spielrunden-bedingten Metagaming und Metagaming durch Hinzunahme von Wissen aus unserer heutigen Welt. Sprecht einfach mit euren Spielern, Mitspielern, dem Spielleiter so ein Beispiel an und fragt, wie sie dazu stehen! Ich habe genug Spielrunden gesehen, die total lustige Dialoge und Situationen spinnen und bei anderen ging der ganze Spaß dann baden.

 Softskills am Tisch

Spulen wir an den Anfang meines ersten Artikels zurück: Der FC Bayern hat wieder mal gewonnen und Spieler X, Superfan von Geburt an, kann nicht anders, als mit dem Handy bewaffnet immer wieder Spielberichte zu lesen, während er nicht an der Reihe ist. Daneben piekst jemand in Öl eingelegte Knoblauchzehen auf und isst diese genüsslich, während auf der anderen Seite des Tischs die Mitspieler die Luft anhalten, weil Kollege 4 wieder mal Schweißfüße hat.

Das alles muss nicht sein! Okay, mangelnde Körperhygiene anzusprechen ist mit Sicherheit ein heißes Eisen, mit dem man sehr, sehr delikat umgehen muss. Aber dennoch gibt es so etwas wie Softskills, die vorab besprochen werden sollten. Jede volle Stunde machen wir mal eine Raucherpause. Wie sieht es mit Getränken aus, Alkoholika, Snack, Essen etc? Sein wir ehrlich, wenn ihr eine Gruppe aus erwachsenen Menschen seid, wird man hier nicht wirklich viel Redebedarf haben (außer, die militante Veganerin trifft auf den überzeugten Fleischkonsumenten. Boom.), aber, wie sagt der Kölner, jede Jeck is anders! Wir haben zum Beispiel rotierende Getränke-Organisationen und jeder bringt Essen mit, allerdings ist dies eine Spielrunde aus 8 Spielern und einem Spielleiter, da ist es klar, dass man im Vorfeld vieles organisieren muss.

Mit diesem letzten Punkt beende ich meinen ausufernden Riesenartikel zu einer Session 0. Wenn ihr bis hier hin (erneut) durchgehalten habt, bedanke ich mich von Herzen für eurer Interesse und hoffe, ich konnte bzw. kann ein wenig dazu beitragen, dass häufig wiederkehrende Probleme, die ich immer wieder mitbekomme, zukünftig nicht mehr geschehen.

Denkt immer dran: Das wichtigste am Rollenspiel ist, dass es ein SPIEL ist und alle beteiligte Parteien Spaß haben sollen. Ein Spiel dient zu Unterhaltungszwecken, zumindest primär, und diesen für mich zentralen Aspekt solltet ihr, als Spieler oder Spielleiter, nie aus den Augen verlieren!

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